KulturWerk

Bestandteil der Gesellschaft gefühlt oder fühlen können … Das begann schon im Alter von acht Jahren, der Bürgerkrieg 1934 war für mich ein ganz gravierendes Erlebnis … Haben Sie den bewusst erlebt? Mein Vater war für die öffentliche Beleuchtung in Wien verantwortlich, und beide Parteien waren interessiert, in den Straßen Licht zu haben. Mein Vater hat mich sofort nach Beendigung der Kämpfe an die Kampfstätten geführt, zu zerschossenen Häusern, Blutlachen am Boden und mir gesagt: „Du siehst, was Menschen Menschen antun können.“ Das hat meinen Blick geschärft, auch politische Verhältnisse kritisch zu sehen. Hinzu kam, dass ich ab meinem 6. Lebensjahr einen Geigenlehrer hatte, der – wie alle meine Geigenlehrer – Tscheche war, Panslawist und ein strikter Gegner des nationalsozialistischen Gedankenguts. Er hat mich aufmerksam gemacht auf viele Dinge, die in der Öffentlichkeit nicht gestimmt haben … Abgesehen davon, dass er mir im Alter von elf Jahren Tolstoi und Dostojewski zu lesen gegeben hat ... friedrich cerha Zur Person: • Geboren am 17. Februar 1926 in Wien • 1933 Geigenunterricht, ab 1935 erste Kompositionen • 1944 Einberufung zur Wehrmacht, Offizierschule in Dänemark • 1945 Desertion, Kontakt zum dänischen und deutschen Widerstand, Hüttenwirt in Tirol • 1946 zahlreiche Studien, Dr. phil. • 1952 Hochzeit mit Gertraud Möslinger • 1958 mit Kurt Schwertsik Gründung des Ensembles „die reihe“, Initiator und Leiter bahnbrechender Konzerte und Konzertzyklen • Ab 1969 Professor an der Musikhochschule Wien, Präsident der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik • Zahlreiche Kompositionsaufträge aus aller Welt, Träger österreichischer und internationaler Preise Russische Literatur in der NS­Zeit? Ja, und natürlich Notenmaterial von jüdischen Komponisten – von Mendelssohns Violinkonzert bis zur berühmten „Legende“ des polnischen Komponisten Henryk Wieniawski und dergleichen ... Große Einsamkeit muss um Sie gewesen sein in diesen Jugendjahren, in einer Welt, die anders programmiert war. In sich schon diese Sehnsucht nach Musik, schon diese eigenen Töne im Kopf. Sie haben einmal als ganz junger Mensch Richard Strauss auf der Straße gesehen und sich gefragt: „Wie kann es sein, dass es so viel Musik in einem Kopf gibt?“ Ja, Richard Strauss habe ich zu seinem 80. Geburtstag in Wien erlebt, wo es eine ganze Reihe von Konzerten gab. Da habe ich ihn übrigens noch als Dirigenten seiner „Symphonia Domestica“ erlebt! Aber weil Sie von Einsamkeit gesprochen haben: Die Momente der Stille, des Alleinseins waren für mich eigentlich von frühester Kindheit an wichtig. Ich habe immer versucht, meiner geistigen Neugierde, meinen Interessen zu folgen und habe mir auch während des Krieges die ganze Lektüre selbst gesucht. Wobei ich eigentlich überhaupt nicht wusste, wer von diesen Dichtern, die ich da gelesen habe, Jude war und wer nicht. Ich habe ein Referat im Gymnasium gehalten über deutsche Lyrik der Jahrhundertwende und habe natürlich auch Hofmannsthal und andere 117

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