tTobias, wie verführbar sind Schauspieler, wie verführbar bist du? Verführbar ist jeder Mensch. Es ist wie ein Prinzip, ein Axiom, anders ist das Menschentum nicht vorstellbar, nicht möglich und seine Geschichte unerklärlich. Alles andere ist vielleicht eine Utopie. Wenn wir es nicht als Utopie verstehen, müssten wir es als Heuchelei oder Lüge ansehen. 10 Es gibt in „Jud Süß – Film ohne Gewissen“einen Witz. Der Teufel sagt zum Schauspieler: „Ich verspreche dir alles. Erfolg, Geld, Macht, Häuser, Frauen, aber du musst mir deine Seele dafür verkaufen.“ Sagt der Schauspieler: „Und wo ist der Haken dran?“ Ist das ein guter Witz oder ein schlechter? Das war ein gängiger Witz in den privilegierten Kreisen dieser Zeit der 30er und 40er Jahre, und jeder wusste ganz genau, was er bedeutet. Letztendlich hat sich ja dieser Selbstbetrug in jedem Menschen vollzogen, denn so transparent, so klar in der damaligen Zeit das Umfeld war, so klar waren auch die Perspektive des Regimes und seine Ziele. Ferdinand Marian hat das genauso verdrängt wie viele andere auch – in dieser Hinsicht war er ein Prototyp seiner Generation. Wie weit war er für dich ein Täter, wie weit Mitläufer, wie weit Opfer – sind die Kategorien überhaupt abgrenzbar? Ein Opfer war er überhaupt nicht. Allenfalls kann man sagen, er hat sich in eine Ausnahmesituation hineinmanövriert und sich eingeredet, er könne das Schlimmste verhindern, durch seine Art der Darstellung. Solche Konstrukte – „Leute wie wir haben ja noch das Schlimmste verhindert“ – wurden nach dem Krieg zu Standardformeln. Ich habe einmal ein Interview mit der Sängerin Christa Ludwig gehört, in dem sie auf die Frage, wie sie sich im Nationalsozialismus verhalten hätte, geantwortet hat: „Ich weiß es nicht. Wenn ich 23 Jahre gewesen wäre und es wären genau ‚die‘ Jahre meines Lebens gewesen, wo die Stimme am Höhepunkt ist – ich weiß nicht, ob ich emigriert wäre oder ob ich nicht die Chancen genützt hätte.“ Ich habe das unglaublich ehrlich gefunden – eine Antwort, die man selten hört. Ja, das ist eine sehr couragierte und auch sehr wahre, treffende Antwort. Ich glaube, wenn man ehrlich ist, dann muss man sich dieser Frage so schonungslos stellen – alles andere ist Heuchelei. Du spielst Ferdinand Marian als jemanden, der motiviert und gespeist ist aus dieser Sehnsucht: „Ich will die Rolle meines Lebens. Ich will den Durchbruch. Ich will den Erfolg.“ Ist das nicht eine Triebkraft jedes Schauspielers? Man darf nicht vergessen, dass der Marian ein hochbegabter, talentierter Mensch war, der auf Augenhöhe mit den Großen im Theater gespielt hat. Einer, „verführbar ist jeder mensch. es ist wie ein prinzip, anders ist das menschentum nicht vorstellbar“
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