KulturWerk

eine große Rolle, die auch eine große Verausgabung ist, zu Ende ist, dann bin ich auch schon ganz schön hungrig auf die Reaktionen. Und das „Raustreten“ aus der Rolle passiert dann mit dem Duschen, passiert dann mit einer Meditation, passiert gar nicht, geht von alleine? Die Rolle ist zu Ende, wo sie zu Ende ist. Ah ja! Der Weg der Figur ist mit dem Stück … … zu Ende. Und dann bin ich wieder privat. Sie haben einmal gesagt: „Je älter ich werde, desto mehr Mut finde ich in mir, zu spielen.“ Haben Sie das Gefühl, offener zu werden, radikaler? Durch die viele Erfahrung ein Sicherheitsbedürfnis abzubauen? Ich hoffe, dass man mit dem Älterwerden immer mehr Ballast abwirft. Das heißt, dass man nicht so viel „Kunst“ gert voss Lebensmotto: Geduld, Geduld, Neugier, Neugier, immer an der Grenze der Verrücktheit. machen will, und es dann einfacher wird. Ich denke oder sehe oft in meinem Beruf, dass Schauspieler sich zwingen lassen – durch Regie oder durch die Erwartungshaltung, die vom Publikum kommt. Und dieser Zwang ist verbunden mit der Not, dem ja zu genügen! Wenn man aber immer weniger Ehrgeiz hat, dann wird das Spielen immer einfacher und schöner. Dann schau ich auch am liebsten zu, wenn jemand so wird … In Ihrer soeben bei Styria erschienenen Biografie beschreiben Sie, wie Sie bei dem großen Theatermann Boleslav Barlog vorgesprochen haben, blutjung! Er will Sie engagieren und sagt: „Ja, Sie werden bei uns die kleinen Rollen spielen!“ Sie antworten: „Das kommt für mich nicht in Frage! Ich werde keine kleinen Rollen spielen. Ich möchte die großen Rollen spielen!“ Es ist so gekommen! Ja, als ich anfing mit dem Beruf, war meine Forderung an mich – aber auch die Forderung an das Theater – wirklich ziemlich größenwahnsinnig! Ich wollte mit meiner ersten Rolle beim Theater so einschlagen, dass alle Welt aufblickt und sagt: „Donnerwetter, das ist aber ein großes Talent!“ In Konstanz fiel ich aber nur in Konstanz auf. Es brauchte lange, bis sich auch mal die großen Zeitungen die Mühe machten zu schauen, wo der Voss spielt. Es gab so eine Zeit in Braunschweig, da fand ich auch die Regisseure, mit denen ich zu tun hatte, so schwach. Da habe ich mit meiner Frau gesprochen und gesagt: „Ich glaube, ich höre auf mit dem Beruf, weil es so langweilig ist, wenn man nicht gefordert wird!“ Und dann habe ich aber Glück gehabt und traf auf Nils Peter Rudolph, einen wunderbaren Regisseur, und da habe ich plötzlich den ganzen Reichtum dieses Berufs begriffen. Wie schön der Beruf sein kann, aber er ist immerzu höchst gefährdet. Also wenn der Thomas Bernhard sagt: „Theater- und Schauspielkunst ist eine tödliche Kunst“, dann ist das absolut richtig. Denn man muss das Höchste riskieren! Und es ist ein bisschen auch so: Jeder Artist fällt, wenn er was Falsches macht, und ist tot. Aber es gibt im Theaterspielen auch eine Kunst, die tödlich sein kann: wenn man die Risiken nicht wirklich eingeht. Im Eingehen des Risikos besteht aber natürlich auch eine gewisse Gefahr des Abstürzens … Zwischen Lust und Gefahr, auf diesem Drahtseil? Dann, empfinde ich, wird Theater eigentlich erst spannend! Der Zuschauer ist gar nicht so ungnädig wie ich – aber ich fange sonst selbst an, mich zu langweilen. Und dann gehe ich lieber ins Kino, da sehe ich besseres Theater als auf der Bühne! Gehen Sie bitte nicht ins Kino, bitte bleiben Sie für uns alle auf der Bühne – ich danke Ihnen sehr herzlich! Danke schön. „ich lüge so gut, dass der zuschauer denkt, ich würde auf der Bühne jetzt sterben“ 127

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