der aber nie den großen Durchbruch hatte und natürlich auch kein künstlerisches Genie war – wie etwa Gründgens. Das war einem nicht bewusst, weil der Film „Jud Süß“ ja verboten ist. Es hieß ja einhellig, der sei ein … … drittklassiger Schauspieler gewesen? Aber wir haben als Studenten den Film an der Musikakademie gesehen und gemerkt, das ist nicht wahr! Genau deshalb hat er ja diese verbissene Aufwertung für sich beansprucht, das war sein Motor, der alles andere wie Scheu klappen weggeblendet hat. Andererseits war er aber auch ein kaltblütiger, analytischer Mensch. Er hat gemerkt, wenn das nicht gut geht, dann wird’s ziemlich eng, und hat versucht sich Optionen zu schaffen. Und dann hat er klarerweise etwas gemacht, was sehr viele in der Situation tun. Er hat sich einen Freibrief schaffen wollen durch die Art seiner Darstellung … Er hat versucht, diese schreckliche Rolle des „Jud Süß“ so „menschlich“ wie möglich zu spielen. Aber: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, wie Adorno so schön sagt. Das sind Situationen, die wir doch alle kennen? Dass man etwas unbedingt will, weil man das Gefühl hat, sonst geht diese Chance für immer vorbei … Ist dir das am Theater nie passiert? Ja, sicher, natürlich passiert das. Jetzt leben wir aber in einer Zeit, die unvergleichbar ist mit den Rahmenbedingungen der damaligen Zeit und den Druck, unter dem die Leute damals standen, nicht einmal erahnen lässt. Schauspieler oder auch Künstler waren für die Propaganda lebenswichtig, das hat sie in unfassbare gesellschaftliche Höhen katapultiert. Die anderen sind verreckt im Krieg, und diese Oberschicht war in einer anderen Welt, sonnte sich mit im Glanz der Nazi-„Elite“. Die sind wie eine strahlende Persil-Werbung herummarschiert. toBias moretti Zur Person: • Geboren am 11. Juli 1959 in Tirol • Studium der Musik in Wien, Theaterausbildung in München • Engagements in Hannover, München, ab 1995 am Wiener Burgtheater • TV- und Kinoarbeiten wie „Kommissar Rex“, „Krambambuli“, „Andreas Hofer“, „Die Rückkehr des Tanzlehrers“, „Erzherzog Johann“ und „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ • Große Theatererfolge u.a. als Teufel im „Jedermann“ und Grillparzers „König Ottokar“ bei den Salzburger Festspielen, derzeit „Faust“ am Burgtheater • Erfolgreiche Operninszenierungen in Bregenz, Salzburg und Wien • Moretti ist diplomierter Landwirt und lebt mit seiner Familie in Tirol Weißt du, warum ich diesen Witz aus dem Film zitiert habe? Wenn der Schauspieler sagt: „Und wo ist der Haken dran, wenn ich meine Seele verkaufen muss?“ – das spielt natürlich darauf an, dass ein Schauspieler keine Seele hat. Weil er ja die Fähigkeit haben muss, in andere Personen, in die Figuren zu schlüpfen. Mich interessiert, wie du das empfindest. Wo bist du, wenn du spielst? Wo gibst du dich auf, wo entdeckst du neue Facetten? In der Figur muss man sich besinnen, so habe ich es halt gemacht. Ich habe mich besonnen auf einen spielerischen, fast kindlichen, naiven Impuls des Überlebens. Also die Idee, mit dem Schritt ins Rampenlicht, mit einem Hauch Aufmerksamkeit könne man dem Sumpf, dem Elend, dem Nichts, dem grauen Dasein entkommen. Und plötzlich erwischt man peripher so ein Satellitengebilde von Glanzleuchten, bum ... Intensität und Präsenz … … und plötzlich wächst der Mensch und wächst über sich hinaus! Das ist der eine Impuls für die Figur – die andere Seite ist das Kalkül, weil Marian ja im Prinzip auch beide Seiten hatte. Er hatte auch das Kalkula- tive, das Spekulative in seinem Wesen, aber das Spielerische eben auch! Das musst du ja auch kennen. Du musst es schon als Kind gehabt haben … Ja, klar. Aber warum geht man diesen Weg? Gut, man gibt sich hin, aber man gibt sich nicht auf. Man hört deswegen nicht auf, ein reflektierter Mensch zu sein. Viele Schauspieler, Sänger, Regisseure sagen: „Man muss das Publikum verführen.“ Das ist ein häufig verwendeter Satz – es muss also schon erotische Elemente haben, das Spiel mit dem Publikum? Insofern war ja auch der Marian ein Verführer, der verführt wurde. Ja. Bist du ein Verführer am Theater? Im besten Falle: Ja. „ich war noch nie auf der couch, muss ich sagen ...“ Spürt man das in dem Moment, wenn es funktioniert? Ja, das spürt man. Und was macht man, wenn man spürt, dass es heute Abend beispielsweise nicht funktioniert? Das ist dann ganz schwierig. Ich glaube, das ist wie ein verkorkster Start. Dann geht gar nichts, das ist dann so wie beim österreichischen Fußball. Nach welchen Kriterien suchst du deine Rollen aus? Das ist eine Mischung aus Interesse, Notwendigkeiten und Absagen, also irgendwo dazwischen. 11
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