genommen, und obwohl ich natürlich größer wurde, wollten die immer wieder von mir das kleine Mädchen haben. Dann habe ich das Lied gesungen und ein Double hat die Rolle gespielt … Irgendwann ging das wohl auch nicht mehr? Ja, ich habe dann im Chor gesungen, aber diese Faszination an der Verwandlung hat mich immer angezogen! Ich wollte eigentlich Schauspielerin und Musicalsängerin werden – jetzt hab ich das alles jedenfalls mit dem Opernsingen irgendwie auf der Bühne verbunden! Dann kamen aber viele Jahre mit Hosenrollen. Sie hatten Sehnsucht nach den PrinzessinnenKleidern und mussten sich auf der Bühne als Octavian, Hänsel, Annio etc., also wie ein junger Mann bewegen? Also, die Begeisterung für dieses Kleid war für kleine Mädchen damals etwas Tolles – danach hat mich die Prinzessinnenrolle nicht mehr so richtig begeistert. Als Junge auf der Bühne hatte ich eigentlich viel mehr Spaß, als ständig hübsche, halbzickige Mädchen zu spielen! Mein erster Orlowski in Meiningen war von der Inszenierung her ein bisschen lebensmüde, ein bisschen Alkoholiker. Ich dachte mir: „Wo kriege ich den Anstoß her, das zu interpretieren?“, und habe mich dann am Heimweg vom Theater immer beim Bahnhofsviertel auf eine Bank gesetzt und diese Leute beobachtet. Wie sie gestikulieren, wie sie sich hinsetzen, ihre Gesichtsausdrücke ... Ich bin wirklich ein unglaublicher Beobachter und picke mir die Kleinigkeiten von Menschen heraus. Wie Dieter Bohlen sich mit der Zunge über die Lippe fährt, wie jemand seine Brille trägt, wie er sie immer wieder aufsetzt und korrigiert, wie jemand die Lippen mit einem Tuch abtupft – solche Kleinigkeiten faszinieren mich. Das versuche ich dann auf der Bühne in verschiedenen Partien einzubringen. Elīna Garanča Zur Person: • Geboren am 16. September 1976 in Riga, Lettland, als Kind einer Musikerfamilie • Studium an der Musikakademie in Riga und erste Erfolge bei internationalen Gesangswettbewerben • Engagements in Meiningen und Frankfurt • 2003 internationaler Durchbruch in Mozarts „La Clemenza di Tito“ bei den Salzburger Festspielen • Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und steile internationale Karriere, die sie in wenigen Jahren an alle führenden Opern- und Konzerthäuser der Welt bringt • Sie ist mit dem Dirigenten Karel Mark Chichon verheiratet und lebt in Málaga Sie könnten jetzt also jederzeit eine Alko holikerin spielen? Da würde ich wahrscheinlich wieder ein wenig Zeit brauchen und würde bestimmt wieder beobachten! Ich glaube aber, dass der Körper und die Gedanken miteinander verbunden sind, und beim Spielen und Singen schickt das Gehirn Signale an den Körper – das funktioniert dann einfach! Und wenn es einmal nicht funktioniert? Wenn man verzweifelt auf der Bühne steht und denkt: „Heute geht gar nichts, ich komme nicht in die Bewegungen“? Oder gibt es das nicht bei Ihnen? Doch, bei mir gibt es das vor allem so circa zehn Tage vor der Premiere. Dann fühle ich, dass ich gar nichts mehr kann – die Stimme geht nicht mehr, ich erinnere mich nicht mehr an den Text, die Dialoge gehen nicht, ich mache falsche Schritte ... Aber mit der Erfahrung weiß ich, dass das eben diese Woche vor der Premiere ist und man nur Ruhe bewahren muss. Es nicht allzu ernst nehmen, abends früh ins Bett gehen, gut ausschlafen und nicht zu viel kommunizieren – dann löst es sich in den freien Tagen vor der Premiere! Man hat ja vier oder fünf Wochen vorher täglich darüber nachgedacht – dann braucht man einfach einen Tag Pause, wo man in den Park spazieren geht, einen Film anschaut oder ein Buch liest … Ihr fabelhaftes Deutsch haben Sie auch in Meinigen gelernt, und zwar mit Arabella Kiesbauer! So habe ich tatsächlich angefangen – mit den Fernsehsendungen von Bärbel Schäfer und Arabella Kiesbauer! Ich hatte mir aus Lettland ein 32.000-Wörter-Lexikon mit- „das sogenannte Jet-set-leben zu ertragen, macht mir mühe“ genommen und habe immer wieder versucht, die Wörter zu übersetzen, die ich in den Shows gehört habe. Wörter wie „zum Beispiel“ oder „beispielsweise“ oder auch „Trottel“ (lacht). So habe ich das gelernt, „learning by doing“, und dann kam das eigentlich ganz von allein ... Ich habe in Riga einmal, noch vor der Wende, eines der traditionellen lettischen Sängerfeste erlebt. Mit 20.000 oder 25.000 Sängern, alle in Nationaltracht lettische Volkslieder singend – das war wie eine politische Demonstration gegen das 17
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