überhaupt zu jung bin, und ich soll wieder kommen, wenn ich 16 bin. Das hat aber nicht mehr stattgefunden. Nein, weil dann der Herr Hitler gekommen ist. Gerade als ich 16 war, noch nicht einmal 16, und dann ging‘s dann eben nicht mehr. Mich hat sehr beeindruckt, dass Sie in Ihrer Autobiografie so offen schreiben, dass die ganze nationalsozialistische, antisemitistische Propaganda Wirkung auf Sie gehabt hat, nämlich auf Ihr Selbstbewusstsein? Ja, ich hab den Katalog zur Ausstellung „Der ewige Jude“ gesehen. Also: Die Juden sind minderwertig, gut … Mendelssohn war ein ganz gewöhnlicher Komponist, aber Beethoven war er natürlich keiner … Heine, naja schon, aber natürlich kein Schiller … und Max Reinhardt, der war nun wirklich kein König des Theaters etc. Das ist nachschaffende Kunst, haben sie gesagt, es ist nicht schöpferisch, sondern nachschaffend. Also: Die Juden sind nichts wert. Ich bin ja dann aus der Schule rausgeworfen worden, und meine Mit- otto tausig Zur Person: • Geboren am 13. Februar 1922 in Wien • 1938 muss er 16-jährig nach England fliehen, wo er sich als Land- und Fabrikarbeiter durchschlägt • 1946 Rückkehr nach Wien, bis 1949 Max-Reinhardt-Seminar • Ab 1948 am Neuen Theater in der Scala in Wien, nach der Schließung 1956 geht er mit vielen Kollegen ans Deutsche Theater in Ost-Berlin • 1970–1983 Ensemblemitglied des Burgtheaters • Auftritte an allen wichtigen deutschsprachigen Bühnen, u.a. mit Nestroy und Raimund, eigene Regiearbeiten • Als gefragter Film-und TV-Schauspieler spendet er alle Einnahmen der 3. Welt und dem Laura-Gatner-Haus für minderjährige Flüchtlinge schüler standen Spalier und sollten uns anspucken. Da braucht es schon einige Kraft, um zu sagen: „Nein, ich bin eigentlich nicht minderwertig!“ Das habe ich noch von niemandem so offen gehört, dass das so stark auf seine Seele gewirkt hat … Ja schon! Sie haben einem unter Umständen auch nachgerufen: „Jiddelach, Jiddelach, hep, hep, hep, wirst verbrannt mit Schweinefett! Schweinefett ist teier, wirst verbrannt mit Feier!“ Also, das war ja auch nicht lustig … Ihr Vater ist mehrmals verhaftet worden, die Wohnung ist natürlich arisiert worden und dann sind Sie noch ganz knapp mit einem Kindertransport nach England gekommen. Was war mit Ihren Eltern? Die konnten natürlich nicht mit nach England kommen. Die sind ans andere Ende der Welt, nach Shanghai, wo mein Vater leider an Tuberkulose gestorben ist. Meine Mutter hat es durchgehalten und ist 1947 nach Wien zurückgekommen. Und Ihre Großeltern? Meine Großeltern, Laura und Leopold Gatner, hatten einen Holzplatz auf der Eichenstraße 1a. Der wurde arisiert, dafür gab es Geld, das in der „Creditanstalt- Bankverein“ auf ein Konto auf ihren Namen gelegt wurde. Das sie aber nicht anrühren konnten, weil es ein Sperr konto war. 1942 wurden die Großeltern mit einem Viehwagon nach Treblinka gebracht und vergast. Als meine Mutter 1947 zurückkam, wollte sie unter ande- „daher habe ich umdisponiert und habe Witze erzählt“ rem wissen, was mit dem Geld geschehen ist. Daraufhin hat sie einen Brief von der Rechtsabteilung bekommen, es sei nichts da, es sei auf ein Gestapo-Konto überwiesen worden. Als kleine Pointe am Schluss des Briefes stand: „Wir bitten Sie, uns 35 Schilling für die Kosten der Nachforschung zu überweisen.“ Wie haben Sie darauf reagiert? Mich hat das natürlich geärgert! 1997 habe ich der Bank geschrieben und sie gefragt, 97
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